„Die Klasse bringt`s!“ – Kompositionseffekte der Schulklasse auf die Veränderung der akademischen Aspiration in der Sekundarstufe I

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Beschreibung

Die Kultivierung schulischer Aspirationen kann als ein wichtiger Bestandteil der pädagogischen Arbeit in Bildungsinstitutionen gesehen werden. Studien verweisen nicht zuletzt darauf, welche Bedeutung Aspirationen bei Bildungsentscheidungen und dem Erlangen eines Bildungsabschlusses zukommt (z.B. Palardy, 2013; Wiebke & Blossfeld, 2007). Mit dem postulierten Wandel von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft (Europäischer Rat, 2000), bei gleichzeitiger augenscheinlicher geringer Studienbeginn- und Studienabschlussrate (OECD, 2013), kann auch vonseiten der Bildungspolitik die Förderung und der langfristige Erhalt von Bildungsaspiration als wünschenswert angesehen werden. Die – in Österreich, als Reaktion auf die ersten PISA Ergebnisse im Schuljahr eingeführte Schulform „Neue Mittelschule“ (neue Schulform der Sekundarstufe I – Schule der 10-14jährigen) setzt sich zum Ziel eine Schule für alle zu sein und Marginalisierungsprozesse zu minimalisieren. Dabei sollen vor allem auch die schulische Aspiration und Bildungsmotivation langfristig aufgebaut und erhalten bleiben. Vielfach zeigt sich aus der Forschung, dass, noch stärker als die individuelle Leistung, das akademische Selbstkonzept, also die persönliche Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten im fachspezifischen Kontext (Byrne & Shavelson, 1986), einen sehr einflussreichen Prädiktor darstellt, um Karriere- und Bildungsaspirationen vorherzusagen (Guay, Larose & Boivin, 2004; Marsh & Yeung, 1997). Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass sich Aspirationen nicht nur aus individuellen Merkmalen der einzelnen SchülerInnen erklären lassen, sondern auch durch Faktoren der schulischen Zusammensetzung und des schulischen Kontextes. Im Rahmen des Big-fish-little-pond-Effekts (Marsh, 1987), lässt sich die negative Wirkung eines allgemein hohen Selbstkonzepts in der gleichaltrigen Bezugsgruppe auf die Bildungsaspiration einzelner SchülerInnen durch soziale Vergleichsprozesse erklären. Obwohl weiters kontextuelle Barrieren als bedeutende Einflussfaktoren auf Karrierewahl und Entwicklung gefunden wurden, legt die bisherige Forschung nur wenig Aufmerksamkeit auf kontextuelle Schul- und Peereffekte (Nagengast & Marsh, 2011). Dies erweist sich insofern interessant, als bereits im Rahmen des „Equality of Educational Opportunity Reports“ von Coleman und Kollegen (1966) eine Wirkung der sozio-ökonomischen Zusammensetzung der KlassenkollegInnen auf die schulische Leistung, die schulischen Aspirationen sowie auf das weitere Bildungsverhalten am Ende der High-School gezeigt werden konnte. Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich die schulischen Aspirationen von niederösterreichischen SchülerInnen in dem inklusiven Setting Neue Mittelschule im Verlauf ihrer Schulkarriere in der Sekundarstufe I entwickeln und welche Einflussfaktoren für Veränderungen auszumachen sind. Dabei interessieren nicht nur intraindividuelle Einflussfaktoren, sondern auch welche Bedeutung Kompositionseffekten durch die Bezugsgruppe von KlassenkollegenInnen zukommt. Als Analysegrundlage für diesen Beitrag dienen Daten der NOESIS-Längsschnitterhebung (Niederösterreichische Mittelschule in der Schulentwicklung, www.noesis-projekt.at), in der seit dem Schuljahr 2010/11 drei SchülerInnenkohorten von der 4. Klasse Volksschule bis zum Ende ihrer Pflichtschulzeit begleitet werden. In die Analyse fließen die ersten Erhebungszeitpunkte 2 bis 4 der ersten Kohorte ein (Schulstufe 5 bis 7, N=923). Die Ergebnisse zeigen, dass die akademische Aspiration der SchülerInnen in der neuen Mittelschule mit der Zeit steigt. Mit dieser Entwicklung parallel/in Verbindung, kann vor allem eine positive Veränderung der Bildungsmotivation und des Selbstkonzeptes im Unterrichtsgegenstand Deutsch, aber auch vermehrte kulturelle Aktivitäten außerhalb der Schule gesehen werden. Im Sinne eines Kompositionseffektes scheinen SchülerInnen, die eine Klasse besuchen, in welcher Motivation, Selbstkonzept und außerschulische Aktivitäten im zeitlichen Verlauf steigen, auch eine erhöhte schulische Aspiration aufzuweisen. Interessant zeigt sich im Rahmen der Panelanalyse zudem, dass diese Kompositionseffekte nicht alleinig auf die Klassenzusammensetzung der SchülerInnen rückführbar sind, sondern auch die subjektive Sichtweise des aktuellen Standes der eigenen schulischen Fähigkeiten eine signifikante Rolle einnimmt. Die Ergebnisse verweisen damit nicht zuletzt darauf, dass sowohl die Zusammensetzung der SchülerInnen, als auch der Vergleich mit der Peergruppe im Setting des Klassenzimmers einen nicht zu vernachlässigenden Stellenwert bei der Entwicklung von schulischen Aspirationen einnimmt. Im Rahmen der Neuen Mittelschule kann damit in der „Klasse“ und den Peers eine mögliche Ressource zum Aufbau und Erhalt von akademischer Aspiration gesehen werden.
Zeitraum3 März 20145 März 2014
EreignistitelGEBF 2014
VeranstaltungstypKonferenz
OrtFrankfurt am Main, DeutschlandAuf Karte anzeigen