Beschreibung
Der Beitrag setzt sich aus rassismuskritischer Perspektive mit der Frage auseinander, wie über Sprachpraktiken und Sprechen gesellschaftliche Ungleichheiten (re)produziert werden. Wir stellen dabei Ergebnisse aus zwei empirischen Forschungsprojekten vor, welche sich mit dem Zugang von Migrant*innen zu wohlfahrtsstaatlichen Leistungen und ihren Erfahrungen am Arbeitsmarkt in Österreich beschäftigen.Rassismus kann mit Bezug auf Gramsci und Hall als Hegemonieverhältnis verstanden werden (Opratko 2019). Rassistisches Wissen stellt sinnhafte Deutungsmodelle für gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse bereit und wird ebenso wie die Effekte von Rassismus in Form von Ausgrenzungen und Diskriminierungen selten auch als solches erkannt, da sie zur Normalität des Alltags gehören (vgl. Foroutan 2019: 104).
In Bezug auf Sprache ist ein rassismuskritischer Ansatz von besonderer Bedeutung, da sprachliche Diskriminierung mitunter rassistische oder ethnische Diskriminierung verschleiern kann. Wirkmächtig sind bspw. in Österreich und anderen de facto mehrsprachigen Migrationsgesellschaften Diskurse, die Kenntnisse der Landessprache(n) als Messinstrument und zugleich Schlüssel für Integration in einem als monolingual verstandenen Nationalstaat propagieren (Busch 2013; Dirim 2021). Diese Diskurse sind hegemonial und werden mehrheitlich unhinterfragt als ‚common sense‘ akzeptiert. Sie können vor dem Hintergrund von Sprachideologien verstanden werden, die linguistische Homogenität und sprachliche Assimilation von Migrant*innen als unabdingbar für das Gemeinwesen sehen (Cooke and Simpson 2012; Blommaert and Verschueren 1998).
Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass öffentliche Institutionen vorrangig monolingual organisiert sind und dies zu Exklusion und Ungleichheit führen kann. In dem Forschungsprojekt AMIGS (für mehr Informationen siehe https://inmi.univie.ac.at/) haben wir uns am Beispiel des österreichischen Arbeitsmarktes mit der Frage auseinandergesetzt, wie wohlfahrtsstaatliche Institutionen mit migrationsgesellschaftlicher Mehrsprachigkeit umgehen. Dabei wurde deutlich, dass institutionelle Sprachpraktiken und -regime zu Diskriminierung beim Zugang zu Sozialleistungen führen. Auch symbolische Sprachbarrieren wurden dabei sichtbar, die durch eine Internalisierung von Machtverhältnissen (Bourdieu 1982) wirken: Sprecher*innen, die sich selbst als unzureichend kompetent in der legitimen Sprache empfinden, antizipieren symbolische Sanktionen und schämen sich ihrer Sprachkenntnisse – weshalb sie eher schweigen, als für ihre Rechte eintreten.
Sprachbezogene Diskriminierung und die Internalisierung von Machtverhältnissen zeichnen sich in unserem aktuellen Forschungsprojekt DEMICO (siehe https://demico.univie.ac.at/) als bedeutsam bei der Interpretation von Dequalifizierungsprozessen unter Migrant*innen ab. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass Deutschkenntnisse nicht nur eine mittelnde, sondern auch eine soziale Funktion (Bourdieu 1982) erfüllen – und es mitunter mehr um Ein- und Ausschlüsse als um die Weitergabe von Informationen geht. Oftmals sind es sehr subtile, „feine (sprachliche) Unterschiede“, die bspw. den Zugang zu beruflichen Positionen und Aufstiegschancen erschweren. Die Rolle von Sprache am Arbeitsmarkt geht folglich über Kommunikationsprobleme hinaus, da linguistische Diskriminierung auch dann wirksam werden kann, wenn Sprachkenntnisse oder Akzent die Verständigung nicht behindern. Von Bedeutung ist hier insbesondere die als Native Speakerism (Dirim 2021) bezeichnete Orientierung an einem erstsprachlichen Ideal, die auch von Sprecher*innen mit anderen Erstsprachen internalisiert wird und so Machtverhältnisse reproduziert.
Anhand dieser Beispiele aus unserer Forschungspraxis möchten wir den Blick darauf lenken, wie sich Rassismus durch Sprachpraktiken und Sprechen im migrationsgesellschaftlichen Kontext artikuliert und durch welche sprachspezifischen Mechanismen Ungleichheit beim Zugang zu Wohlfahrtsstaat und am Arbeitsmarkt (re)produziert wird.
| Zeitraum | 20 Okt. 2023 |
|---|---|
| Ereignistitel | Momentum Kongress 2023: Hegemonie |
| Veranstaltungstyp | Konferenz |
| Ort | Hallstatt, ÖsterreichAuf Karte anzeigen |