Entwicklung eines Fragebogens zur Erhebung von „Plant Blindness“

Aktivität: VorträgePosterpräsentationScience to Science

Beschreibung

Wenn man Schüler*innen zu Ihren Interessen befragt, finden viele in erster Linie Tiere interessant (Sjøberg & Schreiner, 2010). 6–19-jährige können im Schnitt nur ein Drittel gängiger Pflanzenarten korrekt bestimmen (Kaasinen, 2019). Sollen Schüler*innen fünf Lebewesen nennen, kam bei zwei Drittel nur eine oder gar keine Pflanze vor (Amprazis et al., 2019). Gras wird oft nicht als Pflanze an-gesehen, Hutpilze dagegen schon. Stoffwechsel, Kohlenstoffkreislauf oder der Lebenszyklus von Pflanzen werden unvollständig verstanden (Barman et al., 2006). Wandersee und Schussler (2001) prägten für diese Phänomene den Begriff „Plant Blindness“. Diese führt oft dazu, dass Schüler*innen nur ein eingeschränktes Verständnis für biologische Phänomene entwickeln, was das Verständnis glo-baler ökologischer Zusammenhänge und aktueller Krisen, wie z. B. dem Klimawandel, erschwert. Bringt man Schüler*innen Pflanzen jedoch gezielt näher, sind sie auch für diese Organismen zu be-geistern (z.B. Lindemann-Matthies, 2005). Nutzpflanzen bieten beispielsweise einen lebensweltlichen Bezug (Krüger & Burmester, 2005), der den Einstieg in botanische Themen vereinfacht und ein ge-zieltes Vorgehen gegen Plant Blindness ermöglicht (Hammann, 2011; Pany & Heidinger, 2017). Um jedoch den Erfolg von Maßnahmen zur Bekämpfung von Plant Blindness zu erheben, wird ein Instru-ment benötigt, das es ermöglicht, Plant Blindness bei Schüler*innen zu erfassen. Ein solches umfas-sendes Instrument liegt bisher nicht vor, es existieren stattdessen lediglich einzelne Items, die eher Teilaspekte von Plant Blindness erfassen (z.B. Fančovičová & Prokop, 2010; Amprazis et al., 2019). Wissenschaftliche Fragestellung / ggf. Hypothesen Die vorliegende Arbeit hat die Entwicklung eines Fragebogens, der das Ausmaß von Plant Blindness erfassbar macht, zum Ziel. Untersuchungsdesign, empirische Forschungsmethodik Der Fragebogen konzeptualisiert das Phänomen „Plant Blindness“ in drei Skalen (nach Pany & Hei-dinger, 2017). Für jede dieser Skalen wurden 4 bis 8 Items neu entwickelt, um sie zu erfassen: 1.) Pflanzen in der Umwelt (z.B. Balick & Cox, 1997; Kaasinen, 2019): Pflanzen(teile) und ihr Vor-kommen im Alltag, Häufige Küchengewürzpflanzen aus einer Liste von Pflanzenarten heraussuchen, Bestimmung häufiger Pflanzen(teile) anhand von Bildern 2.) Ökologie der Pflanzen: (z.B. Barman et al., 2006): Lebenszyklus einer Pflanze, Pflanzenwachstum und die dafür nötigen Stoffe, Produzenten, Konsumenten und Reduzenten im C-Kreislauf zuordnen 4.) Pflanzen vs. Tiere (z.B. Darley, 1990; Wandersee & Schussler, 2001): Zuordnung der Kennzeichen von Leben zu Tieren, Pflanzen, Bakterien und Steinen, Einstellungen zu Pflanzen im urbanen Raum Der Fragebogen wurde an 321 Schüler*innen (MAlter = 14,3 ± 2,4 Jahre, 60 % Mädchen) der Jahr-gangstufen 5–13 an Gymnasien und Berufsbildenden Schulen im Osten Österreichs ausgegeben. Forschungsergebnisse Die ersten vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass die Schüler*innen in der Koponente „Ökologie“ eher schwach abschneiden: nur 50 % können die für Pflanzenwachstum notwendigen Stoffe identifizieren. Gravierende Fehlkonzepte gibt es beim Kohlenstoffkreislauf (Produzenten, Konsumenten, Destruen-ten) und der Kohlenstoffspeicherung in Pflanzen. Auch der Lebenszyklus einer Pflanze stellt eine große Herausforderung dar. Verwechslungsgefahr besteht ganz besonders bei Pollen und Samen. Die Skala „Pflanzen in der Umwelt“ liefert ein differenzierteres Bild: gängige Wiesenblumen zu be-stimmen fiel den Schüler*innen leicht, ebenso das Bestimmen häufiger Baumarten. 2 Bäume anhand ihrer Wuchsform zu beurteilen war schon eine größere Herausforderung, nur 54% er-kannte eine Fichte. Gewürzpflanzen sind besser bekannt als Heilpflanzen, jedoch werden beide im Schnitt nur von höchstens der Hälfte der Proband*innen richtig erkannt. Bei den Pflanzen(teilen) im Alltag beziehen sich die meisten Nennungen auf Nahrung und die Pflanzen am Schulweg, technische Nutzung von Pflanzen (z.B. Möbel) wird nur selten genannt. Die Skala „Pflanzen vs. Tiere“ zeigt ebenfalls ein problematisches Bild: die Eigenschaften von Lebe-wesen bekommen Pflanzen nur bedingt zugesprochen, nur etwa 20% der Schüler*innen sagen, dass Pflanzen sich bewegen können, nur ca. 40% meinen, dass Pflanzen krank werden können. In keiner einzigen Kategorie können Pflanzen mit Tieren gleichziehen, geschweige denn sie überholen. Diskussion und Darstellung der Relevanz der Forschungsergebnisse (theoretisch-wissen-schaftlich, unterrichts- bzw. schulpraktisch) Das Projekt steht noch am Beginn der Auswertung. Unsere Forschungsergebnisse decken sich weitge-hend mit der Literatur. Bestimmen fällt den Kindern und Jugendlichen tendenziell schwer, selbst Laub- und Nadelbäume werden verwechselt. Gewürz- und Heilpflanzen, die auch häufig verwendet werden, werden anhand ihrer Morphe kaum erkannt, ebenso verhält es sich bei der Zuordnung genutzter Pflanzenteile zu ihren Organen. In der Weiterentwicklung des Fragebogens folgen nun Analysen der Fragebogenskalen sowohl nach der klassischen Testtheorie als auch nach dem Rasch-Modell. Auf Basis der vorliegenden Ergebnisse wer-den die Items nun gegebenenfalls weiterentwickelt und modifiziert. Eines der Ziele bis zur Tagung im Herbst ist es, für das Ausmaß an Plant Blindness der Proband*innen einen Gesamtscore aus den einzelnen Komponenten zu errechnen. Implikationen dieser Befunde für den Biologieunterricht sowie mögliche Ansätze zur Weiterentwicklung werden am Poster mit den Tagungsteilnehmer*innen diskutiert.
Zeitraum30 Sep. 2016
Ereignistitel23. Internationale Tagung der Fachsektion Didaktik der Biologie (FDdB) im VBIO: Transfer in Forschung und Praxis
VeranstaltungstypKonferenz
OrtDeutschlandAuf Karte anzeigen
BekanntheitsgradInternational