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Längsschnittliche Effekte psychologischer Grundbedürfnisse auf Motivation und selbstreguliertes Lernen während COVID-19

Aktivität: VorträgeVortragScience to Science

Beschreibung

THEORETISCHER HINTERGRUND
Die Selbstbestimmungstheorie (Selfdetermination Theory; SDT) von R. Ryan und E. Deci (2020) postuliert, dass die psychologischen Grundbedürfnisse nach wahrgenommener Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit von entscheidender Bedeutung für intrinsische Motivation (IM) und positives Lernverhalten ist. Laut der SDT wird die Befriedigung dieser psychologischen Grundbedürfnisse durch das soziale Umfeld beeinflusst (Ryan & Deci, 2020). Dementsprechend ist anzunehmen, dass die Umstellung vom Präsenzunterricht auf das Lernen auf Distanz, welches im März 2020 im Zuge der Eindämmungsmaßnahmen von COVID-19 weltweit beinahe flächendeckend der Fall war, einen Einfluss auf die Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse und infolgedessen auf die IM von Studierenden hatte (Bartholomew et al., 2011). Zusätzlich bedeutet ein Lernen auf Distanz den Wegfall oder zumindest die Einschränkung etablierter Strukturen, sodass Studierende in zunehmendem Maß ihren Alltag und ihr Lernen selbst organisieren und regulieren mussten (Klingsieck et al., 2012). Fähigkeiten zum selbstregulierten Lernen (SRL) gewannen daher an Bedeutung.
Querschnittliche Zusammenhänge zwischen den psychologischen Grundbedürfnissen und IM wurden in verschiedenen Studien und Kontexten etabliert (Bureau et al., 2021; Ntoumanis et al., 2021; Reeve, 2016; Reeve & Jang, 2006; Rodrigues et al., 2021; Van den Broeck et al., 2016). Die Befundlage bezüglich IM und SRL ist jedoch weniger eindeutig (Mukhtar et al., 2018; Ning & Downing, 2010). Studien, die wechselseitige Wirkzusammenhänge zwischen allen drei Konstrukten über die Zeit untersuchen, liegen nicht vor.

ZIELE UND FRAGESTELLUNG
Ziel der vorliegenden Studie was es daher, die längsschnittlichen und wechselseitigen Effekte zwischen der Befriedigung der Grundbedürfnisse von Studierenden, IM und SRL während des Lernens auf Distanz im Zuge von COVID-19 zu untersuchen. Ausgehend von bisherigen Befunden nahmen wir an, dass die Befriedigung der psychologischen Grundbedürfnisse zu jedem Messzeitpunkt mit IM positiv zusammenhängt. Darüber hinaus gingen wir davon aus, dass die Befriedigung der drei Grundbedürfnisse positiv auf die IM zum nächsten Messzeitpunkt wirkt. Zusätzlich untersuchten wir exploratorisch wechselseitige Zusammenhänge zwischen IM und SRL, da in bisherigen Studien keine klare Wirkrichtung zwischen diesen beiden Konstrukten etabliert werden konnte.

METHODE
Die Datenerhebung fand im Rahmen einer größeren Studie statt, in der österreichische Studierende über ihr Lernen und Wohlbefinden während COVID-19 befragt wurden. Insgesamt beantworteten N = 3286 Studierende (72,0 % weiblich, 27,2 % männlich, 0,4 % divers, 0,5 % fehlend) zwischen 14 – 71 Jahren (Mage = 25,06; SDage = 7,038) zwischen April 2020 und Juli 2021vier Online-Fragebögen. Für alle verwendeten Skalen (wahrgenommene Kompetenz, wahrgenommene Autonomie, wahrgenommene soziale Eingebundenheit, IM und SRL) konnte partielle metrische Messinvarianz über alle vier Messzeitpunkte nachgewiesen werden. Für die Überprüfung der beschriebenen Hypothesen wurde ein Cross-Lagged-Panel-Modell berechnet.

ERGEBNISSE UND BEDEUTUNG
Hypothesenkonform korrelierten die drei psychologischen Grundbedürfnisse zu jedem Messzeitpunkt positiv mit IM (r = .232 bis r = .641). Wider Erwarten wurden jedoch keine signifikanten Effekte auf IM über die Zeit gefunden. Bezüglich SRL zeigten sich über alle Messzeitpunkte hinweg durchgängig kleine, aber signifikanten positive Effekt auf IM. Im Gegensatz dazu wurde zwischen dem dritten und vierten Messzeitpunkt ein kleiner und – überraschender Weise – negativer signifikanter negativer Effekt von IM auf SRL gefunden.
Obwohl die bereits etablierten querschnittlichen Assoziationen zwischen Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit bestätigt wurden, zeigt unsere Studie klar den Bedarf an längsschnittlichen Untersuchungen der in der SDT postulierten Zusammenhänge auf. Darüber hinaus wurde die Bedeutung von SRL für IM im Kontext des Lernens auf Distanz verdeutlicht. Weiters zeigte sich kein beziehungsweise sogar ein kleiner negativer Effekt von IM auf SRL. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Studierende mit hoher intrinsisch Motivation ihre Ziele ohne den bewussten Einsatz von SRL-Strategien verfolgen. Ein personenzentrierter Ansatz könnte weitere Hinweise auf die (Co-)Entwicklung und gegenseitige Beeinflussung von IM und SRL geben.
Zeitraum2 März 2023
Ereignistitel10. Tagung der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF)
VeranstaltungstypKonferenz
OrtEssen, DeutschlandAuf Karte anzeigen