Als ich diese Halle betreten habe, war ich wieder im Irak: Migrantische Systemerhalter_innen bei Hygiene Austria und der Post-AG

Veröffentlichungen: Elektronische/multimediale VeröffentlichungWebpublikation

Abstract

Diese Studie untersucht anhand von qualitativen Interviews mit migrantischen Leiharbeiter_innen bei Hygiene Austria und im Postverteilerzentrum Inzersdorf in Wien die prekären und gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen in der Maskenproduktion und bei den Paketdiensten. Außerdem wurden Expert_innen aus Arbeitnehmer_innen- und Arbeitgeber_innenvertretung, dem Arbeitsinspektorat und dem Arbeitsministerium befragt, um die politischen Versäumnisse in den beiden Fällen aufzuarbeiten und daran anschließend Handlungsbedarfe zu formulieren.

In Österreich ist die Arbeitskräfteüberlassung durch die kollektivvertragliche Gleichstellung von Leiharbeiter_innen mit Stammbelegschaften besser als in anderen europäischen Ländern reguliert. Dennoch unterliegen in der Praxis auch hierzulande die Arbeitsbedingungen oft zweierlei Maß. Die Interviews zum Postverteilerzentrum zeigen, dass unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse mit Hierarchisierungen im Arbeitsprozess sowie mit Ungleichheiten bei den Arbeitszeiten, den Löhnen und dem Gesundheitsschutz verbunden sind. Dabei überschneidet sich die Fragmentierung von Stammund Randbelegschaft mit ethnischen Trennlinien, wobei die geflüchteten Leiharbeiter aus dem
arabischsprachigen Raum an der untersten Stufe stehen. Die Interviewten berichten von ständigen Demütigungen durch Vorgesetzte oder der fehlenden Möglichkeit, in den Krankenstand zu gehen, ohne eine Kündigung zu riskieren. Von ähnlichen Arbeitsbedingungen zeugen die Interviews mit migrantischen Leiharbeiter_innen bei Hygiene Austria. Dass dort etwa bereits auf den Lohnzetteln ein unterkollektivvertraglicher Lohn ausgewiesen war, macht das vorsätzliche Lohndumping offenkundig.

Die Recherchen zu den zwei bekannten österreichischen Unternehmen zeigen hingegen, dass diese in der Krise expandierten. Die Kosten für die Unternehmensprofite wurden nicht zuletzt von den migrantischen Leiharbeiter_innen getragen, wie an den schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen besonders sichtbar wird. In beiden Fällen verhinderte der enorm hohe Arbeitsdruck, Maßnahmen zum Infektions- und Gesundheitsschutz wie Abstandsregeln einzuhalten. Während es bei der Hygiene Austria zu mehreren Arbeitsunfällen kam, die aufgrund massiver Versäumnisse bei der Inbetriebnahme von Sicherheitssystemen entstanden, war es im Postverteilerzentrum der mangelnde Infektionsschutz, der bei mehreren Befragten dazu führte, dass sie an COVID-19 erkrankten.

In der Studie wird außerdem deutlich, dass zum Verständnis der Arbeitsrechtsverletzungen Fragen von Migration und Aufenthaltsrecht systematisch in die Analyse einbezogen werden müssen. Der
unsichere Aufenthaltsstatus verstärkt bei einigen Befragten den Druck, prekäre Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Darüber hinaus werden von den Unternehmen häufig Sprachbarrieren und das mangelnde Wissen von Migrierten über ihre Arbeitsrechte in Österreich ausgenutzt.

Zuletzt werden mitbestimmungspolitische Strategien reflektiert, durch die atypisch beschäftigt Migrierte stärker in die Arbeitnehmer_innenvertretung inkludiert werden könnten. Ausgehend von den empirischen Ergebnissen werden außerdem Handlungsstrategien auf der rechtlichen und politischen Ebene diskutiert, um die prekäre Arbeits- und Lebenssituation vieler Migrant_innen in
Österreich zu verbessern.
OriginalspracheDeutsch
Herausgeber (Verlag)Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien
PublikationsstatusVeröffentlicht - 28 Okt. 2021

ÖFOS 2012

  • 504002 Arbeitssoziologie
  • 504021 Migrationsforschung

Zitationsweisen