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"Es ist auch normal hier zu wohnen": Eine soziologische Analyse von Normalisierungsprozessen in Biographien von Menschen, die auf oder in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrationslagergeländes Gusen leben

Project: Research funding

Project Details

Abstract

Das Konzentrationslager Gusen I-III bestand zwischen 1938/40 bis 1945 im heutigen Oberösterreich und erstreckte sich geographisch über drei Ortschaften: Gusen/Langenstein, St. Georgen und Lungitz. Gusen I-III war eines der größten KZ-Lagerkomplexe in Österreich. Insgesamt wurden mindestens 35.000 von mehr als 71.000 KZ-Häftlingen ermordet. Nach der Befreiung im Mai 1945 wurden weite Teile des Lagers abgetragen, veräußert oder abgebrannt. Das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen wurde als zentrale Gedenkstätte für alle umliegenden Außen- und Doppellager etabliert, weshalb es in Gusen bis Mitte der 1960er Jahre keine Gedenkstätte gab. Mitte der 1950er Jahre erfolgte die Freigebung des ehemaligen Lagergeländes Gusen I-II für ein Wohnbauprojekt. Die neuerrichtete Siedlung grenzt heute zum Teil exakt an den alten Lagerstraßen und -baracken, noch erhaltene Gebäude werden als Wohnhäuser genutzt und sind z. T. in Privatbesitz.

Gusen stellt einen exemplarischen Fall einer spezifischen Form der Nachnutzung ehemaliger Konzentrationslager dar, nämlich als ein Wohnort. Diese Art der Nachnutzung ist bislang selten untersucht worden. Vor diesem Hintergrund stellt das vorliegende Dissertationsvorhaben die Erfahrungen und Umgangsweisen der BewohnerInnen von St. Georgen und Gusen in Oberösterreich mit ihrem Wohnort ins Zentrum. Es wird der Frage nachgegangen, wie BewohnerInnen den historischen Ort des ehemaligen KZ in ihren Lebensgeschichten normalisieren. Normalisierung wird dabei einerseits unter ethnomethodologischen Gesichtspunkten als Typisierung und Herstellung reproduzierbarer Ordnung verstanden (Harold Garfinkel), andererseits als besondere Eigenschaft westlicher Gesellschaften, in denen Menschen sich weniger an normativen Grundsätzen, sondern an Durchschnittszahlen und anderen statistischen Größen orientieren, die den Alltag regulativ strukturieren (Jürgen Link). Die forschungsleitende Fragestellung lautet: Wie und durch welche Prozesse wird der historische Ort des Konzentrationslagers Gusen in Lebensgeschichten von Menschen normalisiert, die auf oder in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Lagergeländes leben?

Im Dissertationsvorhaben werden Lebensgeschichten mittels narrativ-biografischer Interviews und Fotografien mittels Fotointerviews als Datengrundlage erhoben. Die biografische Fallrekonstruktion (Gabriele Rosenthal) und die visuelle Segmentanalyse (Roswitha Breckner) stellen die Analysemethoden dar. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie der Ort als ehemaliges KZ in Biografien aber auch Fotografien normalisiert wird, da dieser Prozess auch bildlich zum Ausdruck kommen kann. Diese Methodenkombination verspricht neue und kontrastreiche Erkenntnisse hinsichtlich des Verhältnisses von sprachlicher und bildlicher Kommunikation und kann Aufschluss darüber geben, welche Rolle Bilder in Konstruktionsprozessen von Biografien spielen können.
Short titleGUSEN_BIO
AcronymGUSEN_BIO
StatusFinished
Effective start/end date1/09/1931/08/22