Abstract
Wie andere Berufsfelder steht die Psychotherapie vor Herausforderungen des digitalen Zeitalters und reagiert darauf in ihren Diskursen. Die vorliegende Arbeit erkundet einen ausgewählten Ausschnitt dieses Diskurses: 31 Stellungnahmen deutscher Psychotherapiekammern und psychotherapeutischer Berufsverbände, die zwischen 2014 und 2023 in Reaktion auf Gesetzesentwürfe und -verabschiedungen zu Digitalisierungsmaßnahmen in der Psychotherapie veröffentlicht worden sind. In diese Zeitspanne fällt ein markantes Ereignis: Mit Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) wurden Ende 2019 digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) in die Gesundheitsversorgung in Deutschland eingeführt. Seitdem haben gesetzlich Krankenversicherte nach ärztlicher oder psychotherapeutischer Verschreibung Anspruch auf diese „Apps auf Rezept“. Der ‚Psycho‘-Bereich ist bei diesen Apps besonders stark vertreten – Anfang 2026 waren ihm fast die Hälfte der gelisteten DiGAs zuzurechnen. Ganz überwiegend sind diese als Selbsthilfewerkzeuge konzipiert, die auf Praktiken der Selbstvermessung und Psychoedukation basieren und ohne persönlichen therapeutischen Kontakt auskommen – genau das macht sie aus gesundheitsökonomischer Sicht attraktiv.
Die vorliegende Arbeit zeichnet mit diesen Entwicklungen einhergehenden Implikationen für die therapeutische Praxis mittels einer metatheoretisch an Foucault und methodisch an Jäger orientierten kritischen Diskursanalyse nach. Dabei zeigt sich, wie widerstandslos die Digitalisierung und die mit ihr einhergehende Verrechtlichung, ‚Verkrankenkassung‘ und Subsumierung unter ökonomische Prämissen in die Diskurse des deutschen Gesundheitswesens – und der Psychotherapie als dessen Teil – im Verlauf weniger Jahre eingemeindet wurde.
Deutlich wird das an Verschiebungen der den Diskurs leitenden Termini: aus Patient*innen werden zunehmend Versicherte, aus Therapeut*innen werden Leistungserbringer*innen und die therapeutische Beziehung verschwindet sukzessive hinter dem Begriff der ‚körperlicher Kopräsenz‘. Mit letzterem wird anstelle eines gestaltbaren kommunikativen und affektiven Resonanzraumes die gelegentlich gemeinsame Anwesenheit von Therapeut*in und Patient*in zum neuen therapeutischen Goldstandard. Die Frage des Einsatzes psychotherapeutischer DiGAs wird von Psychotherapieverbänden nicht in Hinblick auf deren grundsätzliche Sinnhaftigkeit und Angemessenheit verhandelt, sondern sofort auf Fragen nach deren Effizienz und auf berufspolitische Belange fokussiert. Ausgeblendet wird dabei, dass solche Anwendungen nicht in einem Vakuum existieren, sondern in Institutionen und Machtstrukturen eingebettet sind; dass hinter deren Förderung wirtschaftliche und politische Interessen (und Interessent*innen) stehen; und dass mit der Verlagerung ins Digitale vollkommen veränderte Formen psychotherapeutischer Praxis entstehen, die es jenseits ökonomischer Fragen genauer zu betrachten und zu bewerten gilt.
Die vorliegende Arbeit zeichnet mit diesen Entwicklungen einhergehenden Implikationen für die therapeutische Praxis mittels einer metatheoretisch an Foucault und methodisch an Jäger orientierten kritischen Diskursanalyse nach. Dabei zeigt sich, wie widerstandslos die Digitalisierung und die mit ihr einhergehende Verrechtlichung, ‚Verkrankenkassung‘ und Subsumierung unter ökonomische Prämissen in die Diskurse des deutschen Gesundheitswesens – und der Psychotherapie als dessen Teil – im Verlauf weniger Jahre eingemeindet wurde.
Deutlich wird das an Verschiebungen der den Diskurs leitenden Termini: aus Patient*innen werden zunehmend Versicherte, aus Therapeut*innen werden Leistungserbringer*innen und die therapeutische Beziehung verschwindet sukzessive hinter dem Begriff der ‚körperlicher Kopräsenz‘. Mit letzterem wird anstelle eines gestaltbaren kommunikativen und affektiven Resonanzraumes die gelegentlich gemeinsame Anwesenheit von Therapeut*in und Patient*in zum neuen therapeutischen Goldstandard. Die Frage des Einsatzes psychotherapeutischer DiGAs wird von Psychotherapieverbänden nicht in Hinblick auf deren grundsätzliche Sinnhaftigkeit und Angemessenheit verhandelt, sondern sofort auf Fragen nach deren Effizienz und auf berufspolitische Belange fokussiert. Ausgeblendet wird dabei, dass solche Anwendungen nicht in einem Vakuum existieren, sondern in Institutionen und Machtstrukturen eingebettet sind; dass hinter deren Förderung wirtschaftliche und politische Interessen (und Interessent*innen) stehen; und dass mit der Verlagerung ins Digitale vollkommen veränderte Formen psychotherapeutischer Praxis entstehen, die es jenseits ökonomischer Fragen genauer zu betrachten und zu bewerten gilt.
| Original language | German |
|---|---|
| Journal | cultura & psyché |
| Volume | 7 |
| Issue number | 5 |
| Publication status | Published - May 2026 |
Austrian Fields of Science 2012
- 501019 Psychotherapy
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